Japan nach dem Tsunami: Falsches Leben im Mauerpark

11. März 2015, 06:54

Viele Orte wie hier das Kernkraftwerk Hamaoka bei Omaezaki werden mit Tsunami-Mauern verbarrikadiert

(Foto: REUTERS)

Vier Jahre nach dem Tsunami verbarrikadiert Japans Regierung die Küste mit Mauern. Die Mächtigen sind mit der Bauindustrie eng verbandelt. Doch viele glauben, dass die Schutzwälle mehr Schaden anrichten als nützen.

Von Christoph Neidhart, Kesennuma

In einem Jahr sei er wohl nicht mehr da, sagt der Gemüsehändler Keisoku Tokumoto. Er hat seinen Laden in einem Container. „Dort unten am Hafen wollen sie bauen“, weist er über das Brachland, das bis vor vier Jahren die Innenstadt von Kesennuma war. „In diese Ecke soll mein Laden kommen“, zeigt er auf einem Plan. Nein, er freue sich nicht.

Bis zum 11. März 2011 hatte der 72-Jährige seinen alten Laden dort in der Nähe. In seinem Container hat er ein großes Schwarzweißfoto zur Erinnerung aufgehängt. Als an jenem Freitag um 2:46 Uhr die Tsunami-Sirenen losheulten, sprang er auf sein Moped und flitzte auf einen Hügel, vorbei an vielen, die mit dem Auto fliehen wollten. Sie blieben im Stau stecken, einige kamen ums Leben. Aus der Höhe musste er mitansehen, wie die Fluten Kesennuma überfielen. Sie trieben Fischkutter, Autos, Dächer und sein Haus vor sich her wie Spielzeug. Nachdem das Wasser sich zurückgezogen hatte, begannen die Trümmer zu brennen, weil Schiffsdiesel ausgelaufen war.

Neun Monate später stellte die Stadt mehrere Reihen zweistöckiger Container für Läden auf: den Murasaki-Markt. Seither verkauft Tokumoto in diesem Provisorium Zwiebeln, Lauch, Kohl, Tomaten und Mikan, süße japanische Mandarinen.

Warum freut er sich dann nicht, wieder einen richtigen Laden zu bekommen? „Ich weiß nicht“, grämt er sich. Für den Container muss er nur Gebühren zahlen, für den Laden dann aber Miete. Dazu mangelt es ihm an Kunden. „Die Leute kommen nicht mehr“, seufzt er. Sein Sohn in Tokio würde ihm zwar Geld leihen. Aber der Laden müsste sich selbst tragen. Deshalb denkt er ans Aufhören. „Aber den ganzen Tag allein zu Hause sitzen, das kann ich nicht.“

JapanGedenken zum Jahrestag der Tsunami-Katastrophe

Viele Menschen haben mit Blumen und Gebeten der Opfer vom 11. März 2011 gedacht.

Wie Tokumoto geht es an der vom Tsunami verwüsteten Sanriku-Küste vielen. Die Provisorien sind ihnen zur Permanenz geworden. Zwar haben manche Flüchtlinge in den Container-Siedlungen Depressionen, es gibt Selbstmorde. Aber viele haben sich trotz der Enge irgendwie eingerichtet, sie haben neue Nachbarn und Freunde gefunden. Kleine Kinder kennen kein anderes Zuhause. Zudem wohnen sie, die alles verloren haben, im Container umsonst.

Es gibt Schulen, Kindergärten, Stadtverwaltungen, Arztpraxen, Hotels, Cafés, Läden, Friseure, Kaufhäuser, in Minamisanriku sogar einen Hochzeitspalast. In Kamaishi hatte sich ein Beerdigungsunternehmer vorübergehend in einem Container installiert. Noch wohnen etwa 100 000 Tsunami-Flüchtlinge in Containern.

Dörfer und Läden sollen aufgelöst werden

Wie sehr diese Provisorien auf Permanenz eingerichtet sind, zeigt sich unweit vom Laden Tokumotos im sogenannten Fischerviertel von Kesennuma. Nach dem Tsunami galt die Regel, beschädigte Häuser durften repariert werden, neue bauen durfte man nicht. Doch für Container, die man auf den brachliegenden Grundstücken aufstellte, wurden Beton-Fundamente gegossen. Wie in Kesennuma verlangen die Behörden nun vielerorts, die Dörfer und Läden sollten aufgelöst werden, möglichst bis zum fünften Jahrestag der Katastrophe im März 2015. Die Verträge werden nur noch um ein Jahr verlängert.

Weil man in Kesennuma beschlossen hat, den Hafen mit einer Tsunami-Mauer zu verbarrikadieren, darf nun auch wieder gebaut werden. Vor einem Jahr war der Gemüsehändler Tokumoto, wie viele Leute an der zerstörten Küste, vehement gegen solche Mauern. Eine Welle der Empörung über die Pläne Tokios breitete sich aus. Die meisten Orte hatten Erfahrungen mit Tsunami-Mauern. Fast überall hatten die Fluten sie einfach weggespült. Tokumoto fand damals, es gehe nicht, dass man eine Fischerstadt vom Meer abriegele. „Wir brauchen keine Mauer, sondern breitere Straßen, auf denen man fliehen kann“, meint er.

Kesennuma ist eine Containerstadt, in der viele sich inzwischen fest eingerichtet haben.

(Foto:Tomohiro Ohsumi/Bloomberg)

Inzwischen ist fast überall mit dem Bau der Tsunami-Wälle begonnen worden. Im Fischerdorf Karakuwa, zehn Autominuten nördlich von Kesennuma, ist der neun Meter hohe Schutzwall schon fast fertig. Er wird künftig Gemüsegärten und Reisfelder gegen die Flut abschirmen, Häuser werden hinter der Mauer nicht mehr gebaut. An der Straße, die in die Bucht hinunterführt, hat man hoch über der neuen Mauer eine Marke angebracht: 14 Meter. Bis hierher überschwemmten Fluten vor vier Jahren alles, der neue Schutzwall hätte überhaupt nichts genützt.

Jenen Städten, in denen sich der Widerstand gegen die Tsunami-Mauern regte, bot die Regierung der liberaldemokratischen Partei einen Deal an: Die ganzen Orte sollten angehoben werden. Das Bauvolumen hat sich damit vervielfacht. Dazu muss man wissen, dass die Regierungspartei eng mit der Bauindustrie verbandelt ist. „Wir sollen froh sein, wenn die Regierung für uns soviel Geld ausgibt“, meint ein alter Mann im Dorf.

Die japanische Regierung versetzt wortwörtlich Berge

In Rikuzentakata wird eine Fläche von etwa fünf Quadratkilometern um neun Meter angehoben. Dafür tragen Bagger einen ganzen Berg ab. Wie Riesenspinnen überragen 40 Meter hohe Förderanlagen die Ebene. So versetzt die japanische Regierung Berge. Die Bauerei in Rikuzentakata ist auf zehn Jahre veranschlagt. Doch nach Aussagen der Ingenieure auf der Baustelle wird es länger dauern. Solange sie nicht beendet ist, müssen die Leute von Rikuzentakata in ihren Provisorien bleiben. Jenen, die ohnehin nicht mehr umziehen möchten, ist das recht. Viele junge Familien mit Kindern dagegen wollen nicht zehn Jahre warten. Die halbe Kindheit im Container, das ist keine Perspektive.

Wer an der Küste entlang fährt, kommt von einer Baustelle zur nächsten. Nur in der Hafenstadt Miyako, wo der Tsunami 4500 Häuser zerstört hat, diskutiert man noch. Die alte Mauer half nichts, eine höhere, so meinen viele, werde den Fluten auch nicht standhalten.

Im Dorf Koizumi südlich von Kesennuma hat der Lehrer Masahito Abe den Kampf gegen die wuchtigste aller Tsunami-Mauern noch nicht aufgegeben. Sie soll 14,7 Meter hoch und zwei Kilometer lang werden. Häuser wird sie keine schützen, nur brachliegende Felder. Die 1500 Einwohner ziehen lieber auf eine Anhöhe. Dort habe das Dorf bis vor etwa 300 Jahren ohnehin gelegen, sagt der Lehrer und beweist es anhand alter Malereien. Erst in der Neuzeit hat man unten am Strand Häuser gebaut.

Der Wall werde die Küstenfischerei von Koizumi zerstören, glaubt Takao Suzuki, Umwelt-Professor der Tohoku-Universität. Seeohren, eine gesuchte Delikatesse, und Muscheln brauchen flaches Wasser und Bezug zum Land. Zudem sei der seichte Strand hier ein „internationaler Flughafen für Zugvögel“, erläutert Suzuki.

Umgerechnet 200 Millionen Euro wird der neue Wall kosten. Einen Tsunami wie am 11. März 2011 wird er nicht aufhalten können, glaubt Wallgegner Masahito Abe. Der Lehrer hat eine Computer-Simulation des renommierten Tsunami-Experten Fumihiko Imamura von der Universität Tohoku auf seinem Laptop. Da sieht man, wie schon ein Tsunami von neun Metern den Wall überwindet, weil sich die zweite, dritte und vierte Welle im sogenannten Run-up-Effekt über die erste legen. So erreichte das Wasser 2011 in manchen Tälern bis zu39 Meter über dem Meeresspiegel. Imamuras Simulation zeigt deutlich, wie ein Tsunamiwall, selbst wenn die Fluten ihn zerstören, das Wasser am Abfließen hindert.

Zu alt und brüchig bei der nächsten Mega-Welle

„Lächerlich“, sagt Lehrer Abe immer wieder, wenn er die verschiedenen Mauer-Projekte diskutiert. Er glaubt, sie richteten mehr Schaden an, als sie nützen werden. Zumal die Wälle ständig unterhalten werden müssen und die Präfektur-Regierungen bereits mitgeteilt haben, sie hätten dafür kein Geld.

Zudem könnte ein schweres Erdbeben den Boden unter den Tsunami-Wällen verflüssigen, die Mauern also einbrechen lassen, bevor der Tsunami kommt. Und bis zur nächsten Mega-Welle sind sie womöglich schon alt und brüchig. Aber Abe erreicht die vor allem älteren Leute nicht. „Sie haben kein Facebook, nicht einmal Internet.“ Und das Fernsehen vermeidet Kritik an Projekten der Regierung.

Der Ort Koizumi gehört politisch zu Kesennuma, entschieden wird dort. Und in Tokio. Dennoch organisierte das Dorf vorigen Sommer eine Bürgerversammlung, die über die Mega-Mauer befinden sollte. 25 Leute kamen, fast nur Rentner, von den jungen Familien im Dorf niemand. Am Schluss wurde abgestimmt: 21 waren für die nutzlose Mauer, zwei enthielten sich, zwei waren dagegen. Eine alte Frau sagte: „Wenn wir die Mauer haben, kommen die jungen Leute vielleicht zurück.“

Lehrer Abe hat noch nicht aufgegeben. Er möchte die Bucht zu einem Naturpark machen, der auch Touristen anziehen würde. Dass die Jungen im Dorf ihn im Stich gelassen haben, trägt er ihnen nicht nach. „Wer in einem Provisorium lebt und vielleicht keine Arbeitsstelle hat, der hat keinen Platz im Kopf für die Natur und die Zukunft der Allgemeinheit“, klagt er.

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