Japan: Reise durch die Apokalypse

Video: Japan: Reise durch die Apokalypse

06.03.16 | 08:03 Min.

Fünf Jahre ist es her, als ein Erdbeben, der folgende Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht nur Japan für immer veränderte. Über 100.000 Einwohner mussten evakuiert werden, eine ganze Region ist verseucht.

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Fünf Jahre ist es her, als ein Erdbeben, der folgende Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht nur Japan für immer veränderte. Über 100.000 Einwohner mussten evakuiert werden, eine ganze Region ist verseucht und die Folgen werden noch Hunderte von Jahren zu spüren sein.

Arkadiusz Podniensinski ist ein polnischer Fotograf und Filmemacher, der sich darauf spezialisiert hat, nukleare Katastrophen zu dokumentieren. Zusammen mit unserem ARD-Korrespondenten Uwe Schwering (ARD Tokio) hat er sich jetzt in die rote Zone des Sperrgebietes von Fukushima begeben – in die Zone mit der höchsten Strahlenbelastung. Ein Blick in verlassene Atommeiler, auf entleerte und verstrahlte Felder. Ein Blick in die Apokalypse.

Fukushima, zu Deutsch: Insel des Glücks. Ironie nahe am Irrsinn. So wie die Kunststoff-Ästhetik der Katastrophe: schön schrecklich. -Die Hinterlassenschaft des nuklearen Ernstfalls – verstrahlte Erde; sie schlummert in schwarzen Säcken, millionenfach. Check-in für einen Besuch der roten Zone, Sperrgebiet Präfektur Fukushima. Hierher kann – vielleicht für Jahrhunderte – niemand mehr zurück. Die Stadt Futaba erteilt Erlaubnis. Uns und dem polnischen Fotografen und Filmemacher Arek Podniesinski, den das hier alles an Tschernobyl erinnert: „Schon seit acht Jahren dokumentiere ich die Sperrzone von Tschernobyl. Es interessiert mich. Ich war persönlich betroffen damals. Nach dem Unfall wurde plötzlich der Schulunterricht unterbrochen und ‚Lugol’ verteilt, so ein Jodmittel für die Schilddrüse.“

Kimio Shiga von der Stadtverwaltung begleitet uns und instruiert: „Da ist die Strahlung so hoch.“ Wir fahren durch die rote Zone. Nur die Straße ist gesäubert, wichtig für Dekontaminationsarbeiter und Nutzfahrzeuge. – Links und rechts: tabu. Personal hier unterliegt Strahlungslimits. Shiga zeigt die Papiere vor. Namie, Tomioka, Okuma: Hier strahlt es über 50 Millisievert pro Jahr – Zutritt verboten. Erst darunter beginnt das Saubermachen, vorsichtig. Die Städte werden verfallen, irgendwann abgerissen, dekontaminiert, wieder aufgebaut. Wann? Die Halbwertzeit von Cäsium 137 beträgt 30 Jahre. Es wird viel Zeit vergehen, sehr viel Zeit.

Auch Futaba ist jetzt Geisterstadt. Die einst 7.000 Einwohner: evakuiert, verstört, verzogen – in 330 Städte ganz Japans. Oder sie leben in Notunterkünften, immer noch. Erst bebt die Erde, dann trifft der Tsunami das Kernkraftwerk – dann kommt die radioaktive Wolke. Die Zeit steht still in Futaba. Das ist surreal, absolut gespenstisch. Wie in einem richtigen Science-Fiction-Schocker. Nur, dass das hier kein tödlicher Staub aus dem All angerichtet hat, sondern ganz irdischer radioaktiver Fallout. Ein hausgemachter Horror also.

Herr Shiga von der Stadtverwaltung sagt, er bekäme immer Kopfschmerzen in der Zone. Aber nicht die Strahlung sei schuld, sondern die Psyche. Der Mann musste sein Haus zurücklassen. So wie weitere über 100.000 Evakuierte. Das nimmt ihn mit. „Es gibt so ein Gefühl von Heimat, das man erst verspürt, wenn man sie verloren hat. Ich empfinde Sehnsucht, aber auch Wut. Ich kann aber nicht sagen, dass ich mich betrogen fühle vom Staat oder von TEPCO. Ich habe ja selbst geglaubt an den Sicherheitsmythos der Atomkraft.“

TEPCO‚ Herrin der Atomruine von Fukushima Daiichi. 7.000 Arbeiter kämpfen hier täglich gegen radioaktiven Zerfall, verstrahltes Wasser und gegen die Zeit. Nur Geld spielt keine Rolle. Das Monstrum am Meer verschlingt Milliarden. Und wehrt sich mit Tonnen geschmolzener Brennstäbe. Und niemand weiß, wo die strahlenden Klumpen liegen. Mit Glück im Sicherheitsbehälter, vielleicht aber schon im Grundwasser. Die Lage: stabil, doch nicht unter Kontrolle. Selbst Roboter schaffen es nicht bis zum Kern der Sache. Und so präsentiert der Mann, dessen Job niemand haben will, nach fünf Jahren eine ernüchternde Bilanz. „Schwer zu sagen, wo wir stehen“, meint Akira Ono, Leiter des AKW Fukushima Daiichi. „Aber mal angenommen, eine Bergbesteigung hat zehn Etappen, dann haben wir die erste gerade hinter uns. „

„Atomkraft – Energie für eine leuchtend helle Zukunft“. Noch bis Dezember 2015 prangt dieser Slogan über dem Ortseingang von Futaba, dann kommt er runter. Die Stadt lebt von und mit Betreiberfirma TEPCO, bis die sie auslöscht. Die Tokyo Electric Power Company sponsert auch die örtliche Schule. Außer TEPCO gibt es hier nichts. Abhängigkeit schafft Freunde. Bis zum 11. März 2011. Es ist der letzte Schultag. Die Kinder machen gerade sauber, als die Erde bebt und das Unheil beginnt. Das Werk stirbt und mit ihm die Stadt.

Arek, der furchtlose Fotograf ohne Maske, kennt das schon aus seinem Langzeitprojekt. 30 Jahre Tschernobyl, fünf Jahre Fukushima: Arek hat jetzt zwei Sperrzonen. „Verglichen mit den Einwohnern der Ukraine sind die Japaner sehr willensstark und zeigen Kampfgeist. Sie geben nicht auf, wie im Fall von Tschernobyl, wo sofort jeder evakuiert wurde und nie mehr zurückkehrte. Hier versuchen sie zu dekontaminieren, sie machen weiter.“ Doch hier enden alle Versuche. Dabei will Japans Regierung sich und der Welt beweisen – um jeden Preis – dass auch ein Super-GAU beherrschbar ist. Als Legitimation für den Neustart der Kernkraft im eigenen Land. Die Wahrheit sieht anders aus. Und das juristische Aufräumen hat gerade erst begonnen. Drei TEPCO-Chefs – jetzt erst angeklagt, die Tsunami-Gefahr ignoriert zu haben. Absichtlich. Fahrlässig. Der Kosten wegen:

Es ist schon bemerkenswert, dass wir uns dem Kraftwerk von dieser Seite nähern dürfen. Das hat es noch nicht gegeben. Was man aber nicht vergessen sollte ist, dass nach Angaben von Greenpeace z.B. täglich noch bis zu 100 Tonnen verstrahltes Wasser ins Meer fließen sollen. Und: Diese Ruine wird hier mindestens noch 30 oder 40 Jahre stehen bis zu ihrem Abriss, manche Experten sagen auch: bis zu 100 Jahre. 100 Jahre, 100 Millionen Säcke: so eine Prognose. In Tomioka wird nun verbrannt. Doch was geschähe hier beim nächsten Tsunami? Wohin mit der verstrahlten Schlacke? Jede Lösung kreiert neue Fragen. Weil am 11. März 2011 das Restrisiko die Hauptrolle übernahm.

Stand: 06.03.2016 21:44 Uhr

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