Die japanische Mauer – Tsunami Schutz

Mit jedem neuen Tsunami betoniert Japans Regierung die Küste mit noch höheren Schutzwällen zu. Fünf Jahre nach der letzten Katastrophe trauen die Bürger ihnen nicht mehr – zu Recht, meinen Experten.

Von Christoph Neidhart, Otsuchi

Als der Tsunami vor fünf Jahren Otsuchi überfiel, da hatte Kozo Hirano mit Kollegen im Rathaus gerade begonnen, eine Kommandozentrale einzurichten. Das Erdbeben hatte im Fischerstädtchen erhebliche Schäden angerichtet. Die Tsunami-Warnung, die ergangen war, beunruhigte den Beamten dagegen kaum. Otsuchi hatte eine zehn Meter hohe Schutzmauer – so hoch, dass man die Bucht vom Rathaus aus nicht sah.

Als die Sturmflut über die Mauer schwappte und sie teilweise niederriss, versuchten die Beamten, sich aufs Rathausdach zu retten. Aber die Treppe war eng, die meisten schafften es nicht. Vierzig kamen um, auch der Bürgermeister.

„Vor meinen Augen wurden einige meiner Kollegen vom Dach geschwemmt“, erinnert sich Hirano. Auf die Fluten folgte ein Feuer, Otsuchi brannte drei Tage. „Ich dachte oft, es wäre einfacher gewesen, ich wäre auch gestorben“, sagt der 60-Jährige.

Er hat weiter gemacht und ist seit vorigem Jahr der Bürgermeister von Otsuchi. Von 16 000 Einwohnern sind 813 umgekommen, 421 gelten als vermisst. 60 Prozent der Häuser wurden zerstört. Es dauerte vier Jahre, bis die Trümmer wegräumt waren.

Und der Wiederaufbau gestalte sich umso schwieriger, sagt Hirano, da aus Otsuchi noch mehr Menschen abwanderten als anderswo aus der Provinz. Vor allem junge Familien.

Der neue Schutzwall wird noch höher
Vom Kulturzentrum auf dem Shiroyama-Hügel, in dem die Verwaltung Unterschlupf gefunden hat, geht der Blick über das brachliegende Flussdelta, auf dem das Städtchen stand. Geblieben ist nur die Ruine des alten Rathauses, man streitet, ob sie als Mahnmal erhalten werden soll, oder ob ihr Anblick die Überlebenden zu sehr schmerzt.

Ansonsten ist der einstige Ortskern eine riesige Baustelle, die ganze Ebene wird um vier Meter angehoben. Die Schutzmauer, die den Fluten nicht standhielt, wird durch eine stärkere, mit 14,3 Meter noch höhere ersetzt. Den Tsunami von 2011 könnte auch sie nicht stoppen, seine Wellen waren 16 Meter hoch.

3000 Menschen leben noch in Containern

Im ersten Schock wollten die meisten Leute den höheren Schutzwall. „Nun sind viele dagegen“, sagt eine junge Mutter, „Otsuchi ist ein Städtchen der Fischer, die vom Meer leben. Es sehen wollen. Aber man kann nichts machen.“

Experten warnen, Tsunamiwälle würden die Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Die Beamten von Otsuchi sind ein Beispiel dafür. „Die Zentralregierung hat das beschlossen“, sagt Bürgermeister Hirano zur neuen Mauer. Tokio zahlt ihren Bau, entlang der Sanriku-Küste finanziert es 400 Kilometer neue Schutzwälle. Für deren teuren Unterhalt muss dann die Präfektur aufkommen, die, wie Beamte freimütig zugeben, dafür aber kein Geld hat.

In Otsuchi wohnen nach fünf Jahren noch 3000 Menschen in Containern, ein Viertel der Einwohner. Der Bau neuer Häuser zieht sich hin. Alle klagen, es gebe zu wenig Arbeiter, das Bauen würde stets teurer, das Material auch. Sie machen die Olympischen Spiele dafür verantwortlich, für die Tokio Baukapazität abziehe, die zur Nothilfe gebraucht würde.

Alkoholismus und Depressionen

In den Containersiedlungen leben die Menschen eng zusammengepfercht, es kommt zu Konflikten, Alkoholismus, Depressionen und Suiziden. Hilfsorganisationen versuchen, den Menschen einen Sinn zu geben. Im Komplex Kozuchi 8 mit 120 Containern wurden für die Frauen eine Nähgruppe organisiert, die in fünf Jahren für fast eine Million Euro Kleider produziert hat.

Für Schüler aus den Notunterkünften gibt es eine Abendschule. Dort könne sie ihre Hausaufgaben machen, im Container mit der ganzen Familie finden die Kinder keinen Platz zum Lernen.

Klagen über den Lärm der Nachbarn
Die Menschen sehnen sich danach, endlich wieder in Häusern zu wohnen. Aber sie seien dann oft enttäuscht, erzählt die Sozialarbeiterin Wakako Usuzawa. „Viele beklagen sich über den Lärm der neuen Nachbarn“, so sehr hätten die Jahre im Container sie gestresst.

Otsuchi hat stets vom Fisch und seiner Verarbeitung gelebt, vor allem vom Lachs. Auf der Nordseite der Bucht, wo die Betontrümmer der Tsunamimauer noch heute liegen, ist ein neuer Pier gebaut worden. Daneben hat sich eine kleine Verarbeitungskooperative eingerichtet. Aber die Fänge sind gering, nach dem Tsunami haben die Fischer 2011 keine jungen Fische ausgesetzt, das rächt sich jetzt.

Wer soll neue Kühlhäuser bauen?

 

Schlimmer noch, meint Masakazu Haga, der Chef der Kooperative, sei, dass Otsuchi keine Kühlhäuser mehr habe. „Nicht einmal unsere eigenen Fischer wollen unseren Hafen anlaufen. Sie wissen nicht, wo sie ihre Ware lagern können. Wie sollen wir Fisch verarbeiten, wenn wir keinen bekommen.“ Unklar ist, wer neue Kühlhäuser bauen soll. Haga meint, Tokio müsste helfen. Aber in Tokio ist man damit abgeblitzt.

Zwischen 1896 und 2011 ist die Sanrikuküste von fünf großen Tsunamis heimgesucht worden, 1896, 1933 von ähnlich hohen Fluten wie 2011, 1960 und 1968 von kleineren, die aber auch Tote forderten und Städte verwüsteten. Seit 1933 baut man Tsunamiwälle, nach jedem Tsunami höher und jeweils mit dem Versprechen, der nächsten Katastrophe hielten sie stand.

Auch jetzt wieder. Taro, ein Städtchen 60 Kilometer nördlich von Otsuchi, verfügte sogar über zwei zehn Meter hohe Seewälle, einem inneren und einem äußeren. Die Anlage wurde „Japans chinesische Mauer“ genannt. Zuversichtlich, sie sei stark genug, steigen am 11. März einige Leute auf den Schutzwall, um den Tsunami zu beobachten. Sie wurden in den Tod gerissen. Auch diese Mauern werden wiederaufgebaut, auch sie höher.

Neue Treppen für den Alarmfall

Wohnen sollen die Menschen von Taro künftig jedoch weiter oben. Das Städtchen verteilt Merkblätter, mit denen es die Leute ermahnt, im Falle eines Alarms sofort in die Höhe zu fliehen. In die steilen Hänge wurden neue Treppen gebaut.

Taro behauptet nicht mehr, seine Wälle schützten den Ort vor einem Tsunami, sondern nur noch, sie würden den Menschen helfen, Zeit zu gewinnen. Und die Schäden vielleicht reduzieren.

Im Fotoladen von Taro zeigt der 75-jährige Shigeo Tsuda Glasplatten-Negative, die sein Vater vor und nach jenem Tsunami von 1933 gemacht hat. Die Verwüstung war auch damals total. Auch Tsudas Geschäft war weggespült worden, er konnte es erst kürzlich wieder eröffnen.

„Wir dürften hier auch wohnen“, sagt er. „Aber wir wollen nicht. Wie hoch die Mauern auch sein werden, sicher wird man hinter ihnen nie sein.“

Advertisements