Katastrophe an Grundschule – Eltern von Tsunami-Opfern werden nach fünf Jahren entschädigt

Es war eine Fehlentscheidung mit katastrophalen Folgen: Weil eine japanische Schule ihre Kinder 2011 nicht vor dem Tsunami in Sicherheit brachte, starben Dutzende Kinder. Die Eltern bekommen jetzt eine Entschädigung.

30.10.2016, von PATRICK WELTER, TOKIO

© DPANach dem Tsunami gefunden: Schultaschen aus der Okawa Okawa-Grundschule in Ishinomaki.

Eine der schrecklichsten Tragödien während der Tsunami-Katastrophe im Norden Japans im Jahr 2011 ist die Geschichte der Okawa-Grundschule in Ishinomaki. Nach dem Beben der Stärke 9 um 14.46 Uhr gab es in der Stadt Aufrufe zur Evakuierung, weil ein Tsunami drohte. Doch die Lehrer der Schule, die vier Kilometer vom Meer entfernt an einem Fluss liegt, zögerten. Etwa 30 Kinder wurden von ihren Eltern abgeholt und in Sicherheit gebracht. Die Eltern schlugen den Lehrern vor, mit den anderen Kindern auf den nahegelegenen bewaldeten Berg zu flüchten. Auch manche Kinder sollen gefleht haben, an den Hang laufen zu dürfen.

Aber die Lehrer hielten die Kinder für 45 Minuten auf dem Schulhof, bevor sie die Evakuierung in Richtung höheren Geländes begannen. Das war zu spät. Gegen 15.30 Uhr an jenem Nachmittag des 11. März erreichte eine mehr als zehn Meter hohe Tsunami-Welle die Küste von Ishinomaki. Nur vier der 76 Schüler, die noch an der Schule waren, und nur einer von elf Lehrern überlebte. Er nahm sich später das Leben.

Ein Bezirksgericht in Sendai hat nun den Eltern von 23 Kindern eine Entschädigung von insgesamt 1,4 Milliarden Yen (12 Millionen Euro) zugesprochen, weil die städtische Schule die Kinder nicht angemessen in Sicherheit gebracht habe. Zahlen sollen die Stadt Ishinomaki und die Präfektur Miyagi. Ishinomaki will gegen das Urteil Berufung einlegen. „Die Schule hätte die Kinder auf den Berg hinter der Schule bringen müssen“, urteilte der Richter.

„Das Urteil wird in Zukunft Leben retten“

Die Entschädigung ist niedriger als die geforderten 2,3 Milliarden Yen. Die Verteidigung hatte argumentiert, dass die Schule außerhalb der bekannten Tsunami-Warnzonen lag. Bei früheren Tsunami-Wellen im Jahr 1896 und 1933 war das Gebiet nicht überflutet worden. Im März 2011 aber waren das Erdbeben und der Tsunami stärker als zuvor.„Das Urteil wird in Zukunft Leben retten, auch wenn unsere Kinder nie wieder zu uns zurückkehren werden“, sagte Hiroyuki Konno, der seinen zwölf Jahre alten Sohn Daisuke an der Schule verlor. Er versprach wie weitere klagende Eltern, sich weiter für die Aufklärung der Tragödie und für bessere Evakuierungsregeln einzusetzen. Andere Familien hatten sich an der Klage nicht beteiligt. Einer dieser Elternteile sagte vor dem Gerichtssaal: „Ich kann die Lehrer, die gestorben sind, nicht beschuldigen.“

In den Tsunami-Gebieten im Nordosten Japans sind mehr als ein Dutzend Klagen anderer Familien von Opfern anhängig, darunter gegen einen Kindergarten und eine Fahrschule. Bei der Katastrophe kamen 15.894 Menschen ums Leben. 2556 Personen werden noch vermisst. Die Stadt Ishinomaki kündigte im März an, dass die Ruine der Okawa-Grundschule als Denkmal erhalten bleiben soll.

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