3. Deutsch-Japanische Summer School Sanriku Fukkou 2017

 

TSUNAMI-RESILIENTE KÜSTENSTÄDTE IN JAPAN

12.– 22. September 2017

Teilnehmer: Studierende aller Fachrichtungen

Japans Nordostküste wurde 2011 von einem Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami in weiten Teilen völlig zerstört. Heute, 6 Jahre später ist der Wiederaufbau lange nicht abgeschlossen und sieht sich zahlreichen Kontroversen gegenüber: Küstensicherung durch Deiche bzw. Betonmauern oder ökologische Lösungen, Grundstücksneuordnungen zur Realisierung neuer Stadtplanung, Relokalisierung von Stadtteilen von der Küste auf Anhöhen, sinkende Bevölkerungszahlen und damit steigende gesellschaftliche Probleme.

Ziel der Summer School des Deutsch-Japanischen Synergie Forums Sanriku Fukkou e.V. ist es seit 2012, die Komplexität dieses Wiederaufbaus interdisziplinär aus der Sicht verschiedener Fachrichtungen vor Ort zu untersuchen und in Dialog mit Opfern sowie mit öffentlichen und gemeinnützigen Akteuren zu treten. Neben einem Fokus auf verschiedene Ingenieurs- und Planungswissenschaften beschäftigt sich die Summer School mit gesellschaftlichen Problemen und Engagement, mit Erfahrungen der Katastrophe und mit lokalen Traditionen.

Thema der Summer School 2017 ist TSUNAMI-RESILIENZ von Küstenstädten. Mit einer Forschungsgruppe von 14 Personen werden wir im September 2017 ausgehend von Sendai für 10 Tage verschiedene Städte an der Küste besuchen und bei Ortsbegehungen verschiedene Inputs zum Thema erhalten. Jeden Tag beschließen wir mit einer kurzen Auswertung, bei der wir über die Thematik aus Sicht verschiedener Fachrichtungen reflektieren können. Das Programm beinhaltet ebenfalls je ein Symposium zur Vor- und Nachbereitung der Summer School im SoSe 2017 bzw. WiSe 2017/18 (Termine in kürze)

Impressionen Summerschool 2014

Vorläufiges Programm

Plan zum Mitnehmen

TEILNEHMERINFO_Unterkünfte 2017

Kosten: Durch Spenden, Partnerorganisationen und langjährige Kontakte in Japan versuchen wir die Kosten für Teilnehmer so gering wie möglich zu halten. Der Eigenanteil für die Summer School 2017 beträgt je nach Teilnehmerzahl 800 – 1000 €. Dies beinhaltet Transportkosten für die Dauer des Programms in 2 Transportern, Unterkünfte inkl. Frühstück, Eintritte sowie Aufwandsentschädigungen für Referenten und Dolmetscher. Nicht enthalten sind Kosten für An- und Abreise nach/von Sendai, für weitere Verpflegung und für individuelle Ausgaben.  Es ist uns jedoch ein Anliegen, dass die Verpflegung vor Ort jederzeit dem eigenen Budget angepasst werden kann. Ggf. verringert sich der Eigenanteil durch weitere Förderung und Spenden.

Unser Organisationsteam engagiert sich rein ehrenamtlich für die Summer School.

Individuelle Förderung: Das Deutsch-Japanische Synergie Forum Sanriku Fukkou e.V. kann keine individuelle Förderung für Teilnehmer anbieten. In der Vergangenheit konnten jedoch viele Teilnehmer durch das PROMOS-Stipendium ihrer jeweiligen Unis gefördert werden. Bitte nehmen sie hierzu selber Kontakt zum International Office Ihrer Uni auf. Für Teilnehmer der TU Braunschweig kann durch das DJSFSF ggf. eine gesammelte Bewerbung organisiert werden.

Flug: Die An- und Abreise nach Sendai wird von den Teilnehmern individuell organisiert. Wir stellen aber gerne Informationen zu günstigen Flügen und Reisen vor/ nach der Summer School bereit. Nach Absprache ist ggf. auch eine Führung durch Tokyo im Anschluss der Summer School möglich.

Hinweise: Verhalten bei Erdbeben und Tsunami

 

Bericht über die 3. Deutsch-Japanische Summer School Sanriku Fukkou 2017:

 

Vom 12. – 22. September 2017 fand die 3. Deutsch–Japanische Summer School Sanriku Fukkou unter dem Thema: TSUNAMI-RESILIENTE KÜSTENSTÄDTE IN TOHOKU statt. Die Teilnehmer (vorwiegend Master Studenten der Studiengänge Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Küstenschutz, Architektur und Stadtplanung der TU Braunschweig und der TU Berlin) besichtigten folgende betroffene Orte an der durch den Tsunami vom 11.3.2011 völlig zerstörten Küste Miyagis und Iwates: Sendai, Natori, Iwanuma, Ishinomaki, Onagawa, Okawa, Minamisanriku, Motoyoshi (Koizumi Bucht), Kesennuma, Rikuzentakata, Kamaishi, Otsuchi, Yamada, Miyako und Taro.

Sechseinhalb Jahre nach der Katastrophe ist der Wiederaufbau noch lange nicht abgeschlossen und sieht sich zahlreichen Kontroversen gegenüber: Küstensicherung durch Deiche bzw. Betonmauern oder ökologische Lösungen, Grundstücksneuordnungen zur Realisierung neuer Stadtplanung, Relokalisierung von Stadtteilen von der Küste auf Anhöhen, sinkende Bevölkerungszahlen und damit steigende gesellschaftliche Probleme.

Die Komplexität dieses Wiederaufbaus wurde interdisziplinär aus der Sicht verschiedener Fachrichtungen vor Ort untersucht:

Im Dialog mit Opfern sowie mit öffentlichen und gemeinnützigen Akteuren erfuhren wir, dass die größten Herausforderungen an die Resilienz der Städte noch bevorstehen, wenn die Planungen und der Wiederaufbau abgeschlossen sind. Noch sind die Wirtschaft und soziale Einrichtungen nicht wiederbelebt und viele Familien abgewandert. Die Abwanderungsquote beträgt teilweise bis fast 30%. Die Überalterung ist dementsprechend hoch. Viele NGOs, die bisher das Leben der Bevölkerung unterstützt haben, werden nicht weiter unterstützt und verlassen die Städte, sodass die Bevölkerung in Zukunft allein funktionieren muss.

Die Bürgermeister der Städte Miyako (Taro), Otsuchi, Kamaishi, Rikuzentakata und Kesennuma empfingen uns mit ausgeklügelten Informationsprogrammen und genauen Plänen von Seiten der Planungsabteilungen. Hier wurde der Fokus auf verschiedene Ingenieurs- und Planungswissenschaften gelegt.

Wissenschaftliche Aspekte wurden im IRIDes Institut der Tohoku Universität, im Rikuzentakata Global Campus und beim Workshop in Yamada beleuchtet.

Im IRIDes Institut bekamen die Teilnehmer wissenschaftliche Hintergründe zur Tsunami Forschung mit aktuellen Simulationen von Assoc. Prof. Dr. Anawat Suppasri und Dr. Volker Röber. Assoc. Prof. Dr David Nguyen gab uns einen Einblick, wie der Tourismus wieder belebt werden kann.

Untitled 2

Im Rikuzentakata Global Campus berichtete der Vizebürgermeister und Leiter des Campus Kiyoshi Murakami über den langen beschwerlichen Weg der Stadt Rikuzentakata seit der Katastrophe und über die Einrichtung des Global Campus, (RTGC) der gemeinsam mit der Iwate University und der Rikkyo University von der Stadt Rikuzentakata eingerichtet wurde. In Zukunft sollen vermehrt internationale Symposien über Disaster Management und Begegnungen zwischen japanischen und internationalen Studenten durchgeführt werden. Bisher kam es bereits zum Austausch mit Studenten der Harvard und der Stanfort University. Unsere Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zu einem intensiven Austausch mit Ingenieurstudenten der Iwate Universität.

 

 

 

 

 

 

Im Seishonen no Ie in Yamada wurde ein gemeinsamer Workshop mit Prof. Dr. Tomoyuki Masuda und Medizinstudenten der Iwate Medical University über die medizinische Versorgung und Traumata Behandlung durchgeführt. Prof. Masuda berichtete eindrucksvoll von der Erkenntnis, dass es beim Tsunami von 2011 kaum Verletzte gegeben hätte. Als Pathologe hatte er die schwierige Aufgabe, die Leichen zu betrachten. An einem Tag lagerten in Kamaishi über 800 Tote. Die Studentin Yuka aus Yamada berichtete von ihrer Familie, dass nicht über den Tsunami und das Erlebte gesprochen wird, obwohl ihr Vater sowohl das Krankenhaus als auch sein Haus verloren hat.

Gruppe klein

Die Teilnehmer der Summer School bedanken sich herzlich bei allen Unterstützern für diese einmalige Chance, einen tiefen und genauen Einblick in die Auswirkungen der Katastrophe bekommen zu haben. Sie wurden konfrontiert mit  gesellschaftlichen Problemen und Engagement, mit Erfahrungen der Katastrophe und mit lokalen Traditionen. Dabei gingen den Studenten besonders die persönlichen Erfahrungsberichte der Bewohner vor Ort zu Herzen.

502

Ein besonderes High Light war die Teilnahme am Herbst Matsuri von Otsuchi.

 

 

In den Gesprächen mit den Bürgermeistern und Stadtplanern wurde allen die Vielschichtigkeit der Probleme bei den Planungen und der Entscheidungsfindung bewusst. So hat man sich in der Präfektur Miyagi entschieden, die Flussmündungen durch Betondeiche zu sichern. Dabei werden Deiche in Höhe von 10 m gebaut und so manches Mal müssen Kirschbaumalleen für solch ein Vorhaben gefällt werden. Dieses fällt nicht immer auf Verständnis der Bevölkerung. Auch werden Gebiete mit 14,7 m hohen Deichen geschützt, obwohl sich dort keine Menschen mehr ansiedeln wollen.

 

 

Gleichwohl haben die Städte sich nach langjährigen Debatten dazu entschieden, diese Deiche zu bauen. Alternative Entscheidungen gibt es nur ganz vereinzelt. Neue Wohngebiete werden zum großen Teil auf abgetragenen Anhöhen angelegt, während das abgetragene Erdreich zur Anhebung des Erdniveaus an der Küste genutzt wird. Es gibt eine deutliche Trennung zwischen Einkaufsvierteln, Wohnbezirken und Wirtschaftszonen (meistens Fischerei gebundene Industrie), die in direkter Nähe zum Wasser durch hohe Betonmauern geschützt werden. Diese Maßnahmen wurden größtenteils vom Staat bzw. den Präfekturen bezahlt.

Kesennumas Bürgermeister Sugawara machte den Teilnehmern deutlich, wie groß seine Verärgerung darüber war, dass die Planungen durch „Unbeteiligte“ – das bedeutet, Menschen, die nicht direkt betroffen waren aber mit diskutiert haben – über viele Jahre verzögert worden sind und somit der Wiederaufbau länger gedauert habe. Nun sei aber alles entschieden und im Bau. Für 2020 sollen alle Maßnahmen abgeschlossen sein.

 

 

Miyakos Bürgermeister Yamamoto bedankte sich herzlich, dass wir uns auch dieses Mal wieder für das Anliegen seiner Stadt interessiert haben. Er war begeistert von den Fragen und Anregungen der Studenten, z.B. gibt es keinen Naturausgleich im japanischen Baurecht. Man war sehr erstaunt darüber. Deshalb kam der Bürgermeister zum Schluss extra zu uns, um sein Interesse an einer deutschen Städtepartnerschaft mitzuteilen.

 

 

 

Dass man in Japan über ein gut funktionierendes Warnsystem verfügt, konnten wir an mehreren Beispielen selbst beobachten. Ein Taifun war für den Sonntag (17.9.) nachmittag in Rundfunk und Presse angekündigt. Kurz nach 15:00 h erhielten alle Teilnehmer mit japanischem Handy eine Evakuierungswarnung für Otsuchi aufs Handy. Das Gleiche erfolgte nachts um 3:00 h.  Außerdem sollte sich die Bevölkerung in Tohoku einmal morgens um 6:00 h und das andere Mal um 7:00 h in sichere Schutzräume wegen des Raketenstarts in Nord Korea begeben. Ein sehr beklemmendes Gefühl der Unsicherheit! Jeweils 5 Min später gab es die Entwarnung.

Alle Teilnehmer sind sehr daran interessiert, in ein oder zwei Jahren wieder nach Tohoku zu fahren, um den Fortschritt des Wiederaufbaus weiter zu verfolgen. Nochmals bedanken wir uns recht herzlich bei allen Unterstützern.

Untitled 34

Advertisements