Bericht über die 3. Deutsch-Japanische Summer School Sanriku Fukkou 2017

von Gesa Neuert, Vorsitzende des Deutsch-Japanischen Synergie Forums Sanriku Fukkou e.V.

Vom 12. bis 22. September 2017 fand die 3. Deutsch–Japanische Summer School Sanriku Fukkou unter dem Thema: TSUNAMIRESILIENTE KÜSTENSTÄDTE IN TOHOKU statt. Die Teilnehmer (vorwiegend Master-Studierende der Studiengänge Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Küstenschutz, Architektur und Stadtplanung der TU Braunschweig und der TU Berlin) besichtigten folgende betroffene Orte an der durch den Tsunami vom 11.3.2011 völlig zerstörten Küste Miyagis und Iwates: Sendai, Natori, Iwanuma, Ishinomaki, Onagawa, Ōkawa, Minamisanriku, Motoyoshi (Koizumi Bucht), Kesennuma, Rikuzentakata, Kamaishi, Ōtsuchi, Yamada, Miyako und Taro.

Sechseinhalb Jahre nach der Katastrophe ist der Wiederaufbau noch lange nicht abgeschlossen und sieht sich mit zahlreichen Kontroversen konfrontiert: Küstensicherung durch Deiche bzw. Betonmauern oder ökologische Lösungen, Grundstücksneuordnungen zur Realisierung neuer Stadtplanung, Relokalisierung von Stadtteilen von der Küste auf Anhöhen, sinkende Bevölkerungszahlen und damit steigende gesellschaftliche Probleme.

Teilnehmer bei der Besichtigung der Wiederaufbauarbeiten

Die Komplexität dieses Wiederaufbaus wurde interdisziplinär aus der Sicht verschiedener Fachrichtungen vor Ort untersucht: Im Dialog mit Opfern sowie mit öffentlichen und gemeinnützigen Akteuren erfuhren wir, dass die größten Herausforderungen an die Resilienz der Städte noch bevorstehen, wenn die Planungen und der Wiederaufbau abgeschlossen sind. Noch sind die Wirtschaft und soziale Einrichtungen nicht wiederbelebt und viele Familien abgewandert. Die Abwanderungsquote beträgt teilweise bis zu 30%. Die Überalterung ist dementsprechend hoch. Viele NGOs, die bisher das Leben der Bevölkerung unterstützt haben, werden nicht weiter unterstützt und verlassen die Städte, so dass die Bevölkerung in Zukunft allein funktionieren muss.

Die Bürgermeister der Städte Miyako (Taro), Ōtsuchi, Kamaishi, Rikuzentakata und Kesennuma empfingen uns mit ausgeklügelten Informationsprogrammen und genauen Plänen von Seiten der Planungsabteilungen. Hier wurde der Fokus auf verschiedene Ingenieurs- und Planungswissenschaften gelegt.

Wissenschaftliche Aspekte wurden im IRIDes Institut der Tōhoku University, im Rikuzentakata Global Campus und beim Workshop in Yamada beleuchtet.

Im IRIDes Institut bekamen die Teilnehmer wissenschaftliche Hintergründe zur Tsunami Forschung mit aktuellen Simulationen von Assoc. Prof. Dr. Anawat Suppasri und Dr. Volker Röber. Assoc. Prof. Dr. David Nguyen gab uns einen Einblick, wie der Tourismus wieder belebt werden kann.

Im Rikuzentakata Global Campus berichtete der Vizebürgermeister und Leiter des Campus Kiyoshi Murakami über den langen beschwerlichen Weg der Stadt Rikuzentakata seit der Katastrophe und über die Einrichtung des Global Campus (RTGC), der gemeinsam mit der Iwate University und der Rikkyo University von der Stadt Rikuzentakata eingerichtet wurde.

In Zukunft sollen vermehrt internationale Symposien über Disaster Management und Begegnungen zwischen japanischen und internationalen Studenten durchgeführt werden. Bisher kam es bereits zum Austausch mit Studenten der Universitäten Harvard und der Stanfort. Unsere Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zu einem intensiven Austausch mit Ingenieurstudenten der Iwate University.

Workshop der japanischen und deutschen Studierenden

Im Seishonen no Ie in Yamada wurde ein gemeinsamer Workshop mit Prof. Dr. Tomoyuki Masuda und Medizinstudenten der Iwate Medical University über die medizinische Versorgung und Traumata-Behandlung durchgeführt. Prof. Masuda berichtete eindrucksvoll von der Erkenntnis, dass es beim Tsunami von 2011 kaum Verletzte gegeben hätte. Als Pathologe hatte er die schwierige Aufgabe, die Leichen zu untersuchen. An einem Tag lagerten in Kamaishi über 800 Tote. Die Studentin Yuka aus Yamada berichtete über ihre Familie, in der nicht über den Tsunami und das Erlebte gesprochen wird, obwohl ihr das Krankenhaus als auch das Haus verloren ging.

Die Teilnehmer der Summer School bedanken sich herzlich bei allen Unterstützern für diese einmalige Chance, einen tiefen und genauen Einblick in die Auswirkungen der Katastrophe bekommen zu haben. Sie wurden konfrontiert mit gesellschaftlichen Problemen und Engagement, mit Erfahrungen der Opfer der Katastrophe und mit lokalen Traditionen. Dabei gingen den Studenten besonders die persönlichen Erfahrungsberichte der Bewohner vor Ort zu Herzen.

Ein besonderes High Light war die Teilnahme am Herbst Matsuri von Ōtsuchi.

In den Gesprächen mit den Bürgermeistern und Stadtplanern wurde allen die Vielschichtigkeit der Probleme bei den Planungen und der Entscheidungsfindung bewusst. So hat man sich in der Präfektur Miyagi entschieden, die Flussmündungen durch Betondeiche zu sichern. Dabei werden Deiche in Höhe von 10 m gebaut und so manches Mal müssen Kirschbaumalleen für solch ein Vorhaben gefällt werden. Dieses fällt nicht immer auf Verständnis der Bevölkerung. Auch werden Gebiete mit 14,7 m hohen Deichen geschützt, obwohl sich dort keine Menschen mehr ansiedeln wollen. Gleichwohl haben die Städte sich nach langjährigen Debatten dazu entschieden, diese Deiche zu bauen. Alternative Entscheidungen gibt es nur ganz vereinzelt. Neue Wohngebiete werden zum großen Teil auf abgetragenen Anhöhen angelegt, während das abgetragene Erdreich zur Anhebung des Erdniveaus an der Küste genutzt wird. Es gibt eine deutliche Trennung zwischen Einkaufsvierteln, Wohnbezirken und Wirtschaftszonen (meistens Fischerei gebundene Industrie), die in direkter Nähe zum Wasser durch hohe Betonmauern geschützt werden. Diese Maßnahmen wurden größtenteils vom Staat bzw. den Präfekturen bezahlt.

Kesennumas Bürgermeister, Herr Sugawara, machte den Teilnehmern deutlich, wie groß seine Verärgerung darüber war, dass die Planungen durch „Unbeteiligte“ – das bedeutet, Menschen, die nicht direkt betroffen waren, aber mit diskutiert haben – über viele Jahre verzögert worden sind und somit der Wiederaufbau länger gedauert habe. Nun sei aber alles entschieden und im Bau. Für 2020 sollen alle Maßnahmen abgeschlossen sein.

Miyakos Bürgermeister, Herr Yamamoto, bedankte sich herzlich, dass wir uns auch dieses Mal wieder für das Anliegen seiner Stadt interessiert haben. Er war begeistert von den Fragen und Anregungen der Studierenden, z.B. gibt es keinen Naturausgleich im japanischen Baurecht. Man war sehr erstaunt darüber. Deshalb kam der Bürgermeister zum Schluss extra zu uns, um sein Interesse an einer deutschen Städtepartnerschaft mitzuteilen.

Teilnehmer beim Besuch auf dem Rikuzentakata Global Campus

Dass man in Japan über ein gut funktionierendes Warnsystem verfügt, konnten wir an mehreren Beispielen selbst beobachten. Ein Taifun war für den Sonntag (17.9.) Nachmittag in Rundfunk und Presse angekündigt. Kurz nach 15:00 Uhr erhielten alle Teilnehmer mit japanischem Handy eine Evakuierungswarnung für Ōtsuchi auf ihr Handy. Das Gleiche erfolgte nachts um 3:00 Uhr. Außerdem sollte sich die Bevölkerung in Tōhoku einmal morgens um 6:00 Uhr und das andere Mal um 7:00 Uhr in sichere Schutzräume wegen zweier Raketenstarts in Nord-Korea begeben. Ein sehr beklemmendes Gefühl der Unsicherheit! Jeweils fünf Minuten später gab es die Entwarnung.

Alle Teilnehmer sind sehr daran interessiert, in ein oder zwei Jahren wieder nach Tōhoku zu fahren, um den Fortschritt des Wiederaufbaus weiter zu verfolgen.

Nochmals bedanken wir uns herzlich bei unseren Sponsoren für die Unterstützung und die Möglichkeit, über unsere Summer School zu berichten.

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